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CREAMY 2022. Acryl Mixed Media on Canvas

4000,00 €Preis

CREAMY

2022

Acryl Mixed Media auf Leinwand

60 × 50 cm aufwändig gerahmt

€ 4.000


Bings Leinwand ist bis in die letzte Ecke verdichtet zu einem pulsierenden Kabinett aus Möbelfragmenten, Fundstücken. Oben links steht in blassem Cremeton, fast wie ins Gewebe eingeschrieben, das titelgebende Wort „Creamy” – überzogen von einem Sprenkelregen aus blauen und gelben Farbtupfen, der sich konfettiartig über die gesamte Fläche zieht und die disparaten Bildzonen wie ein Netz zusammenhält. Darunter drängen sich ein türkisfarbener dreibeiniger Hocker, ein gerilltes gelbes Objekt wie ein aufgeklappter Fächer oder eine Ziehharmonika, ein schwarz gerahmtes gepunktetes Blatt und eine cremefarbene antike Kinderstuhl-Silhouette mit hoher Rückenlehne – Versatzstücke eines imaginären, überladenen Interieurs.


Rechts daneben ragt kopfüber eine dunkelblau-schwarze, mit weißen Farbklecksen übersäte Gratform ins Bild, die an ein Wirbelsäulen- oder Fischskelett erinnert und wie eine barocke Trophäe von oben in die Komposition hineinhängt. In der oberen rechten Ecke sitzt ein plüschig roter Sessel neben einem fotografisch anmutenden Ausschnitt einer europäischen Stadtansicht mit dem Fragment-Schriftzug „Grandest La…”, flankiert von grünen, kaktusartigen Farbstelen und gestreiften gelb-weißen Lampionformen.


Im Zentrum des Bildes thront, wie ein Altarbild aus der eigenen Bildwelt hervortretend, eine kunstvoll bemalte Totenkopf-Maske in Rot, Grün und Türkis: ein drittes Auge über der Nasenwurzel, eine Rose auf der Stirn, freigelegte weiße Zähne unter tief schwarzen Augenhöhlen. Rechts davon hängen zwei blassrosa, an ihren Zehenspitzen rot lackierte Beine kopfüber ins Bild – ein Körperfragment, halb Mannequin, halb Fleischstück, das zwischen Erotik und Schlachtbank changiert.


Unmittelbar unter der Maske liegt, beinahe fotorealistisch gemalt, ein silbrig-grauer Fisch mit fein gepunkteter Rückenzeichnung quer über die Bildmitte – flankiert von einem grün geschwungenen, blumenkohlartigen Gebilde links und einem tiefblauen, spiralig gedrehten Keramikgefäß darunter. Rechts daneben verläuft ein langgestrecktes, elektroblaues Objekt mit rot-weiß gestreiften Flaggenfetzen, das wie ein Blasinstrument oder Schlauch anmutet. Der untere Bildrand wird von einem Patchwork aus gepunkteten und karierten Textilmustern in Pink und Rot gerahmt, in das die Signatur „Stephanie Bing 2022 – Creamy” eingelassen ist; ein sattes Rot-Orange bildet, ähnlich einer zweiten Rahmung, den durchgehenden Bildgrund, aus dem alle Objekte hervorzutreten scheinen.


Interpretation

„Creamy” inszeniert eine Art häusliches Stillleben im Zustand der Auflösung: Möbel, Speisen, Körperteile und dekorative Fundstücke werden nicht geordnet, sondern wie in einem Traum oder einer Erinnerung übereinandergeschichtet, bis die Grenze zwischen Interieur und Körper, zwischen Zierde und Verletzlichkeit verschwimmt. Die zentrale Totenkopf-Maske, flankiert von den abgetrennten Beinen und dem aufgebahrten Fisch, entfaltet ein leises, unheimlich-süßes Vanitas-Motiv inmitten der ansonsten heiter-bunten, cremig anmutenden Bildwelt – der Titel selbst changiert zwischen Konfekt und Verwesung, zwischen Nachtisch und Memento mori. Der über die gesamte Fläche gestreute Farbtupfen-Regen wirkt wie ein vereinheitlichendes Sfumato, das die disparaten Zitate – Sessel, Fächer, Stadtfoto, Vase, Fleisch – zu einem einzigen, atmenden Bildkörper verwebt und der Komposition trotz ihrer Fülle eine seltsame, fast zärtliche Kohärenz verleiht.

Einordnung ins Werk

Innerhalb Stephanie Bings Œuvre gehört „Creamy” zu den frühen, dichtesten Vertretern jener Werkgruppe, in der private Interieurs, Reisefragmente und ikonografische Motive wie Fisch, Maske und Vase zu vielschichtigen psychologischen Raumbildern verschmolzen werden. Anders als in den später eher horizontal gegliederten, panoramatischen Interieur-Kompositionen mit Blick auf Meer oder Landschaft, konzentriert sich diese frühere Arbeit ganz auf die vertikale, fast klaustrophobische Verdichtung nach innen – ein Kuriositätenkabinett im Kleinformat, das bereits alle zentralen Motive ihrer späteren, großformatigen Bildwelten – Fisch, Vase, Maske, gemustertes Fundmaterial – in nuce enthält.

Internationaler Kunstkontext

Mit der collagierten Häufung disparater Objekte und Fundstücke stellt sich „Creamy” in die Tradition von Robert Rauschenbergs Combine Paintings, während die alptraumhaft-verspielte Bilddichte an Hieronymus Boschs phantasmagorische Kompositionen erinnert.


Die zentrale, farbenprächtige Totenkopf-Maske greift unmittelbar auf die mexikanische Calavera-Ikonografie des Día de los Muertos und José Guadalupe Posadas grafisches Erbe zurück, während die Kombination aus Skull-Motiv, Fisch und verzehrbarem Bildvokabular eine zeitgenössische Fortschreibung der klassischen Vanitas-Stillleben niederländischer Prägung darstellt. Zugleich verortet die pop-surrealistische, traumlogische Verschmelzung von Möbel, Körper und Konsumgut das Werk in der Nähe zeitgenössischer Maximalisten wie Genieve Figgis oder Mark Ryden. Mit „Creamy” gelingt Stephanie Bing eine ebenso dichte wie sinnliche Verschränkung von häuslicher Behaglichkeit und stillem Memento mori – ein kompaktes, in seiner Bildfülle bemerkenswert kontrolliertes Frühwerk, das zu den eigenwilligsten und atmosphärisch intensivsten Stillleben ihres Schaffens zählt.

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