top of page

Cultiver le bonheur. Life insulaire 2026

4000,00 €Preis

Cultiver le bonheur. Life insulaire

2026

Acryl Mixed Media on Canvas

100 x 80 cm

€ 4000


In „Cultiver le bonheur. Life insulaire“ verdichtet Stephanie Bing anatomische Bildzitate, insulare Lebenszeichen und persönliche Fundstücke zu einer ebenso sinnlichen wie gedanklich vielschichtigen Komposition. Zwei Darstellungen des Gehirns – eine seitliche Ansicht und eine an einen MRT-Schnitt erinnernde Form – treffen auf zellähnliche Gebilde, mitochondriale Binnenstrukturen und wiederkehrende Fischformen. Dazwischen entfaltet sich ein bewegtes Zeichensystem aus Zahlen, Buchstaben, Zählmarkierungen und unterschriftsähnlichen Gesten. Mehrfach erscheint das gekritzelte „Haus vom Nikolaus“; eine durchbrochene Kuchenmanschette trägt die Erinnerung an den Sonntagskuchen in das Bild.


Das kleine Porträt eines Padre setzt einen historischen Akzent. Türkis, Korallrot, Rosé, Gelb und dunkles Blau verbinden diese unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen zu einem dichten, rhythmisch gegliederten Bildfeld.


Das Glück ist in diesem Werk weder bloßes Motiv noch dekoratives Versprechen. Stephanie Bing verlegt seine Entstehung an die Schnittstelle von Körper, Bewusstsein und Welt: dorthin, wo äußere Eindrücke aufgenommen, Erinnerungen aktiviert und Empfindungen möglich werden.


Die beiden Gehirndarstellungen bilden deshalb keine beiläufigen wissenschaftlichen Zitate: sie erschließen den gedanklichen Mittelpunkt der Komposition.


Die zellähnlichen Formen erweitern diesen Gedanken in den Mikrokosmos. Sie evozieren Zellteilung, Regeneration und mitochondriale Energiegewinnung – die unsichtbare Tätigkeit des Lebendigen. In Bings malerischer Vorstellung begegnen diese Strukturen den Verzweigungen des Gehirns. Synaptische Verbindungen und die mit Glücksempfinden assoziierte Vorstellung von Endorphinen werden dabei nicht als naturwissenschaftliches Schaubild wiedergegeben, sondern in eine bewegte Bildsprache übersetzt.


Diesem organischen Geschehen stellt Bing menschliche Ordnungsversuche gegenüber. Zahlen, Buchstaben und Zählmarkierungen erfassen, unterscheiden und strukturieren. Die unterschriftsähnlichen Schriftgesten wiederum bewegen sich zwischen persönlicher Beglaubigung und unlesbarer Spur: Sie erinnern an die Behauptung einer Identität, ohne sich eindeutig entziffern zu lassen.


Auch die Kuchenmanschette ist mehr als ein ornamentales Element. Sie bringt den Sonntagskuchen und damit eine konkrete Kultur des Genießens, Teilens und Zusammenseins in das Werk ein. Ihre durchbrochene Struktur antwortet formal auf die Netze und Verästelungen der übrigen Komposition. Was zunächst als häusliches Detail erscheint, wird zum Träger einer grundlegenden Erfahrung: Lebensfreude entsteht nicht ausschließlich im Außergewöhnlichen, sondern ebenso in wiederkehrenden Gesten, in vertrauten Ritualen und in der sinnlichen Gegenwart des Alltäglichen.


Das kleine Padre-Porträt links oben, das als Lesezeichen in einem historischen spanischen Geometrieschulbuch lag, öffnet eine weitere Zeitschicht.

Damit treffen bereits in seiner Herkunft zwei unterschiedliche Arten der Weltaneignung aufeinander: geometrisches Wissen und religiöse Orientierung, messbare Verhältnisse und persönliche Hingabe.


Die wiederkehrenden Fischformen führen diese Zusammenhänge in den maritimen Lebensraum von Port d’Andratx zurück. Sie stehen innerhalb von Bings Bildsprache für Fortbewegung, Fortpflanzung und die unablässige Hervorbringung neuen Lebens. Das Meer erscheint damit nicht lediglich als landschaftlicher Hintergrund des Insellebens, sondern als Vorstellung eines bewegten, sich erneuernden Zusammenhangs. Zwischen Fisch, Zelle und Gehirn entstehen formale und gedankliche Übergänge: Leben setzt sich fort, indem es Energie umwandelt, Verbindungen eingeht und neue Gestalten hervorbringt.


„Cultiver le bonheur“ bezeichnet in diesem Sinne eine aktive Beziehung zur eigenen Existenz. Die insulare Lebenswelt liefert ihre sinnlichen und kulturellen Erfahrungen; das Gehirn ermöglicht deren Wahrnehmung; Erinnerung und Denken verweben sie zu Bedeutung. Stephanie Bing lässt diese Ebenen nicht nebeneinander bestehen, sondern ineinandergreifen.


Bings Werk bündelt hier wesentliche Möglichkeiten ihrer Mixed-Media-Sprache: die expressive Eigenständigkeit der Farbe, die Verbindung heterogener Fundstücke und die Verwandlung persönlicher Erfahrung in einen vielschichtig lesbaren Bildraum.


Charakteristisch ist dabei Bings Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Register. Anatomische Anmutungen stehen neben kindlichen Zeichenübungen, historische Erinnerung neben häuslicher Geselligkeit, geometrische Ordnung neben organischer Vermehrung. Bing nivelliert diese Unterschiede nicht. Sie macht ihre Begegnung produktiv. Auch der Humor übernimmt dabei eine verbindende Funktion: Er unterbricht die mögliche Schwere der wissenschaftlichen und historischen Verweise und hält die Komposition offen für Überraschung, Spiel und sinnliches Vergnügen.


Bing setzt in diesem Gemälde auf Verdichtung, Überlagerung und semantische Vielstimmigkeit. Sie verdichtet Schrift, Porträt, anatomische Motive und Muster zu einer neuen Bildsyntax, in der ihre Herkunft lesbar bleibt. Aus dieser Vielstimmigkeit gewinnt das Werk seine Eigenständigkeit.

    bottom of page