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Das kleine Einmaleins der Fische 2026

3000,00 €Preis

Das kleine Einmaleins der Fische 2026

Port Andratx

Acryl Mixed Media on Canvas

60 × 60 × 4 cm

€ 3000


Ein vielstimmiger Kosmos aus Fischen, Zahlen, Farbspuren und ornamentalen Zeichen entfaltet sich in Stephanie Bings „Das kleine Einmaleins der Fische“. Auf dem quadratischen Bildfeld begegnen einander leuchtendes Rosa, Korallrot, Türkis und tiefes Blau, gebrochen durch kreidige Weißtöne, erdige Nuancen und dunkle zeichnerische Akzente. Darüber ziehen sich hellgelbe Farbläufe von oben in die Komposition hinein. Sie überlagern die Motive wie ein durchlässiger Vorhang und setzen der Bewegung der Fische eine entschieden vertikale Richtung entgegen.


Den visuellen Schwerpunkt bildet ein großer, nach rechts gerichteter Fisch in der unteren Bildmitte. Seine markante Kontur umschließt ein offenliegendes Gefüge aus Wirbelsäule, Gräten und flossenartigen Ausläufern.


Schwarz, Weiß und Blau verleihen dieser Binnenzeichnung eine beinahe grafische Schärfe. Der Körper erscheint zugleich gegenwärtig und durchsichtig: nicht als geschlossene Silhouette, sondern als ein Gebilde, dessen innere Architektur sichtbar wird.


Links oberhalb antwortet ihm eine weitere, diagonal angelegte Grätenstruktur. Zwischen beiden entsteht ein Spannungsfeld aus Richtung, Wiederholung und formaler Verwandtschaft.


Um diese dominanten Formen gruppieren sich zahlreiche kleinere Fische. Manche sind mit wenigen Strichen angedeutet, andere tragen sorgfältig ausgearbeitete Schuppen, farbige Binnenfelder oder kontrastierende Umrisslinien. Sie schwimmen aufwärts, seitwärts und gegeneinander, stehen senkrecht im Bild oder scheinen zwischen den Farbschichten aufzutauchen.


Wiederkehrende Bögen, Kreise, Punkte und schuppenähnliche Muster greifen ihre Körperformen auf und führen sie als eigenständige Zeichen weiter. Am unteren Bildrand erscheint eine Folge dunkler Ziffern – als hätte sich in dieses bewegte Gewässer die Erinnerung an eine Rechentafel eingeschrieben.


Interpretation


Der Titel eröffnet einen ebenso spielerischen wie gedanklich präzisen Zugang. Das „kleine Einmaleins“ bezeichnet eine elementare Ordnung: Wiederholung, Verhältnis, Berechenbarkeit. Stephanie Bing überträgt dieses Prinzip jedoch in eine Bildwelt, die sich einer eindeutigen Systematik entzieht. Ihre Fische lassen sich weder zu einem gleichförmigen Schwarm zusammenfassen noch auf eine einzige Darstellungsweise festlegen. Jeder entwickelt eine eigene Gestalt, eine eigene Richtung, einen eigenen Grad zwischen Gegenständlichkeit und Zeichen.


So wird das Zählen zur Metapher eines Versuchs, das Vielgestaltige zu erfassen. Die Ziffern am Bildrand bieten einen gedanklichen Halt, ohne das Geschehen tatsächlich zu ordnen. Auch die wiederholten Schuppenbögen und kleinen Fischzeichen erzeugen zunächst den Eindruck eines Systems. Doch jede Wiederholung bringt eine Abweichung hervor. Aus dem vermeintlich einfachen Einmaleins entsteht eine neue Bildgrammatik, deren Regeln sich im Sehen fortwährend verändern.


Besondere Bedeutung gewinnt dabei das Verhältnis von Körper und Gerüst. Die großen Grätenfische können als Bilder von Vergänglichkeit gelesen werden; zugleich besitzen sie eine unverkennbar vitale Präsenz. Ihre offenen Strukturen wirken nicht nur wie Überreste, sondern ebenso wie strategische Baupläne.


Sie legen frei, was eine Form zusammenhält. Inmitten der farbigen Fülle behauptet sich die Linie als tragendes Element – als Zeichnung, Rhythmus und sichtbares Gedächtnis des Körpers.


Die gelben Farbläufe setzen dieser zeichnerischen Genauigkeit die Unmittelbarkeit des malerischen Vorgangs entgegen. Sie folgen keiner Fischkontur, überspielen Grenzen und verbinden voneinander entfernte Bildzonen. Dadurch bleibt die Komposition zwischen kontrollierter Setzung und freiem Verlauf gespannt. Das Meer erscheint hier weniger als dargestellter Landschaftsraum denn als Vorstellung von Durchlässigkeit: Formen tauchen auf, überlagern sich, verlieren ihre Geschlossenheit und gehen neue Verbindungen ein.


Einordnung in das Werk von Stephanie Bing


„Das kleine Einmaleins der Fische“ verdichtet wesentliche Aspekte von Stephanie Bings künstlerischer Sprache: das bewusste Wechselspiel zwischen Figuration und Abstraktion, den Aufbau vielschichtiger Bildräume und die Verwendung wiederkehrender Motive als veränderliches visuelles Vokabular. Der Fisch ist darin keine Chiffre mit unverrückbarer Bedeutung. Er kann Leben, Bewegung und maritime Erfahrung aufrufen, zugleich aber auch als Silhouette, rhythmisches Element oder Anlass einer zeichnerischen Untersuchung auftreten.


Innerhalb dieses Vokabulars nehmen Zahlen und serielle Zeichen eine besondere Rolle ein. Sie bringen Vorstellungen von Maß, Wiederholung und gedanklicher Ordnung in ein Bildgeschehen ein, das diese Ordnungen zugleich erweitert und unterläuft. Das Werk knüpft damit an Bings fortgesetzte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von organischer Form und konstruktiver Struktur an.


Seine Eigenständigkeit liegt in der Konsequenz, mit der es diese Spannung bereits im Titel formuliert und über die gesamte Bildfläche entfaltet.


Auch der Bezug zu Port Andratx erschließt sich als topografische Beschreibung. Dabei wird die maritime Umgebung in eine persönliche Zeichensprache überführt: in Strömungen der Farbe, in das Nebeneinander unterschiedlicher Fischkörper, in die Verdichtung von Bewegung und Licht.


Das Insulare bildet einen Erfahrungsraum, keinen illustrativen Hintergrund.


So behauptet das Werk seinen Platz in Stephanie Bings Œuvre als eine ebenso sinnliche wie reflektierte Untersuchung des Sichtbaren. Sein spielerischer Titel öffnet die Tür zu einer komplexen malerischen Welt, in der sich Anschauung und Vorstellung, Zählen und Erzählen begegnen. Was sich zunächst als Fülle darbietet, wird beim längeren Betrachten zu einer Frage danach, wie aus einzelnen Zeichen Zusammenhang entsteht – und wie viel Freiheit jede Ordnung zulassen kann.

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