Douceur de vivre. Terrasse française
Douceur de vivre. Terrasse française
2026
Acryl Mixed Media on Canvas
40 x 40 cm
Ein wunderbar vielschichtiges Bild – eine gemalte Terrasse mit Rattansessel, Karaffe, Glas, unter Pinien, mit einem im Bild hängenden gerahmten Marinegemälde von Dampfschiffen, collagiert auf französischen Buchseiten.
Signiert unten rechts „Stephanie Bing 2026”. Die französischen Textfragmente sprechen von Biografien französischer Frauen aus der Normandie – ein literarischer Untergrund, der die mediterrane/französische Atmosphäre trägt.
Das quadratische Mischtechnik-Werk zeigt eine sonnendurchflutete französische Terrasse in der Dämmerung. Ein geflochtener Designer-Rattansessel steht auf einem Holzdeck, daneben ein niedriger Tisch mit Karaffe und Glas.
Über einem Geländer breitet sich der Ausblick aus – doch dieser „Ausblick” ist paradoxerweise ein an einem Ast oder einem imaginären Träger schwebend aufgehängtes, golden gerahmtes Marinegemälde im Stil des französischen Impressionismus.
Pinien und Laub rahmen die Szene, Lichtflecken tanzen in Weiß-, Blau- und Ockertönen. Der gesamte Bildgrund besteht aus collagierten französischen Buchseiten, deren Textfragmente wie ein leises Grundrauschen der Erinnerung mitschwingen.
Bing inszeniert hier ein Paradox der Wahrnehmung: Der Betrachter sitzt gedanklich im Sessel und blickt hinaus – doch was er sieht, ist selbst wieder ein Bild. Die Natur wird zum Zitat, der Ausblick zum Kunstwerk, und das Kunstwerk zum Ausblick.
Die Pinien darüber lösen sich in impressionistische Farbtupfer auf, sodass die „reale” Terrassenszene und das gerahmte Meeresbild in derselben malerischen Sprache verschmelzen.
Der leere Sessel wird zur Einladung an den Betrachter, selbst Platz zu nehmen – eine stille Meditation über Sehnsucht, Erinnerung und das französische Lebensgefühl der „douceur de vivre”. Die französischen Buchseiten sind kein bloßer Untergrund, sondern Bedeutungsträger: Sie erzählen von Frauen, von der Normandie, von Musik – und verankern das Werk in einer literarisch-kulturellen Tiefendimension.
Das Bild fügt sich organisch in Bings Œuvre der zeitgenössischen Mixed-Media-Malerei ein, das sie seit 1989 kontinuierlich entwickelt. Charakteristisch ist ihre Verbindung von collagierten Printmedien (Zeitungs- und Buchseiten) mit expressiver Acrylmalerei – eine Handschrift, die Materialgedächtnis und malerische Geste verschränkt.
Wiederkehrende Motive ihres Schaffens – mediterrane Atmosphären, Terrassen, Interieurs, das Spiel mit Ausblick und Innenraum, die Bild-im-Bild-Struktur – finden hier zu einer besonders raffinierten Synthese. Wo frühere Arbeiten oft abstrakt-gestisch agieren, tritt hier eine stärker narrative, fast szenografische Komponente hinzu: Die Terrasse wird zur Bühne, das Bild im Bild zum Kommentar über das Sehen selbst.
Die Frankreich-Referenz erweitert Bings bekanntes mediterranes Vokabular um eine französische Note – Provence, Côte d’Azur oder Normandie klingen gleichermaßen an.
Kunsthistorisch bewegt sich das Werk in einem reichen Referenzfeld. Das Motiv des „Bildes im Bild” hat eine lange Tradition – von Jan van Eycks Arnolfini-Spiegel über Velázquez’ „Las Meninas” bis zu Matisses „L’Atelier Rouge” (1911), in dem gerahmte Werke die Grenze zwischen Realität und Repräsentation auflösen. Der impressionistische Duktus in Laub und Marinegemälde zitiert Claude Monet, Eugène Boudin und Berthe Morisot, während die Terrassen- und Fensterbildmotivik direkt an Pierre Bonnard und Henri Matisse anknüpft – Meister der französischen „intimistischen” Innenraum-Ausblick-Malerei.
Die Collage-Technik mit Zeitungspapier verweist auf den Kubismus (Braque, Picasso um 1912) und den Nouveau Réalisme, während der spielerische, dekorative Umgang mit Muster und Fläche Anklänge an die Nabis (Vuillard) zeigt. Zeitgenössisch steht Bing damit in einer Linie mit Künstlerinnen wie Hurvin Anderson oder Jonas Wood, die häuslich-intime Räume in einer post-impressionistischen, collagehaft-flachen Bildsprache neu befragen.
