Eclectic Purple Suite. 2024 Acryl Mixed Media on Canvas
Eclectic Purple Suite
2024
Acryl Mixed Media on Canvas 50 x 50 cm
55 x 55 cm gerahmt
Schattenfugen Rahmen weiß
€ 2000
INTERNATIONAL ART AWARD
I. Bildbeschreibung
Das quadratische Format zeigt eine dicht inszenierte Interieurszene, in der zwei muschelförmige Cocktailsessel im Stil der 1950er Jahre auf schlanken, schwarzen Metallbeinen im Zentrum stehen: links ein Sessel in zartem Fliederton, rechts, leicht zurückversetzt, sein Gegenstück in kühlerem Blauviolett. Beide ruhen auf einer collagierten Fläche aus einer echten französischen Zeitungsseite, die von einem schmalen rosafarbenen Streifen gerahmt wird.
Zwischen und vor den Sesseln stehen zwei blau-weiße Porzellangefäße im Chinoiserie-Dekor: links ein bauchiger, gedeckelter Ingwertopf, rechts eine schlanke Balustervase. Der Hintergrund wird von einer tiefblau-schwarzen Wandfläche beherrscht, die von einer Türöffnung durchbrochen wird und den Blick in einen zweiten, kleineren Raum freigibt – dort ein rotstichiges Bücherregal, ein runder Spiegel und ein grüner Sessel, der Boden fein gepunktet gemustert.
Links begrenzt eine hellblaue Säule das Bildfeld, deren Oberfläche mit einer weiteren Collage aus geometrischen Fragmenten in Orange, Rosa, Creme und Schwarz-Weiß-Streifen überzogen ist; rechts steht ihr ein Wandfeld mit rautenförmigem Karomuster in Marineblau, Weiß und Petrolgrün gegenüber.
Der Boden besteht aus grauen, gepunkteten Terrazzofliesen. Signatur und Datierung „Stephanie Bing 2024” befinden sich unten links.
II. Bildinterpretation
Eclectic Purple Suite inszeniert bewusst das Aufeinandertreffen divergenter Stilepochen und Sammlerobjekte auf engstem Raum – der Titel „Suite” verweist zugleich auf eine Zimmerflucht und auf eine musikalische, seriell komponierte Folge einzelner „Sätze”. Die beiden muschelförmigen Sessel zitieren den ikonischen mid-century „Shell Chair”, den Charles und Ray Eames 1950 für Herman Miller entwickelten, sowie die glamourös-theatralische Sitzmöbelsprache des Hollywood Regency-Stils der Nachkriegsjahre, und verkörpern damit die unbeschwerte Diesseitigkeit der Nachkriegsmoderne
Die blau-weißen Porzellangefäße daneben holen dagegen Jahrhunderte chinesisch-europäischen Kulturaustauschs in den Raum, der seit dem 17. Jahrhundert durch chinesische Exportware und ihre europäische Chinoiserie-Rezeption geprägt wurde. Zwischen diesen beiden Zeitschichten collagiert Bing eine reale französische Zeitungsseite über „Teppicharten” – der Text über den Teppich wird selbst zum Teppich, Sprache und Objekt, Diskurs und Dekor verschmelzen im doppelten Boden des Bildes zu einem stillen Kommentar über Klassifikation, Geschmack und Besitz.
Die Türöffnung in der Bildmitte öffnet einen zweiten Raum im Raum, eine Art Bild im Bild, das den Blick immer weiterführt und das Interieur als ein unendlich fortsetzbares, eklektisches Sammelsurium erscheinen lässt, in dem jede Epoche und jedes Objekt gleichzeitig gegenwärtig bleibt.
III. Einordnung in das Werk von Stephanie Bing
Eclectic Purple Suite fügt sich nahtlos in Stephanie Bings langjährige Beschäftigung mit dem Interieur als psychologischem und kulturellem Raum ein, die seit Beginn ihrer malerischen Praxis 1989 ihre vielschichtigen, erzählerisch aufgeladenen Rauminszenierungen prägt. Wie schon in früheren Werken setzt die Künstlerin auch hier reale, gefundene Druckmaterialien als collagierte Bildebene ein – griff sie früher etwa zu deutschsprachigen Zeitschriftenausschnitten aus Publikationen wie „Schöner Wohnen”, nutzt sie in diesem Werk eine französische Zeitungsseite über Teppichtypologien als Bodenbelag, ein Verfahren, das ihr wiederkehrendes Interesse an der Verschränkung von gedrucktem Text, Konsumkultur und gemaltem Interieur bestätigt und zugleich internationaler erweitert.
Der Serientitel „Suite” und die Kombination mehrerer stilistisch different datierter Sammlerstücke – mid-century Sessel, chinesisches Porzellan, postmoderne Musterwände – ordnet das Bild in eine Werkgruppe ein, in der Bing Interieurs zunehmend als bewusst „eklektische”, über Epochen hinweg komponierte Bühnenbilder versteht. Das Werk hat bereits internationale Anerkennung gefunden: Es wurde mit Kunstpreisen im internationalen Wettbewerb ausgezeichnet und war zwei Monate lang in einer Galerie in London ausgestellt.
IV. Einordnung in die internationale Kunstgeschichte
Der von Charles und Ray Eames 1950 für Herman Miller entworfene „Shell Chair” gilt als eines der einflussreichsten Sitzmöbel der Moderne und steht exemplarisch für das demokratische, massenproduzierte Design der Nachkriegszeit in den USA; die theatralische, farbintensive Interieursprache, die Bings Sessel und Vasen umgibt, entstammt dem Hollywood Regency-Stil, der ab den 1930er Jahren in Kalifornien Glamour und historisches Zitat zu einer eigenen Innenraumästhetik verband. Die blau-weißen Porzellangefäße wiederum reichen weit vor die Moderne zurück: Chinesisches Exportporzellan gelangte seit dem 17. und 18. Jahrhundert in großem Umfang nach Europa und begründete die als Chinoiserie bekannte Verschmelzung ostasiatischer Motive mit europäischem Dekorationsgeschmack, ein zentrales Kapitel der Sammlungsgeschichte des Kontinents.
Das rautenförmige Karomuster der rechten Wand nimmt zudem die postmoderne Musterlust der von Ettore Sottsass 1980 in Mailand gegründeten Memphis Group auf, deren grelle Farbkombinationen und geometrische Dekors bewusst mit der Zurückhaltung des Funktionalismus brachen. Bings Verfahren, gedrucktes Fundmaterial unmittelbar in die Bildfläche zu integrieren, steht zugleich in der Tradition der amerikanischen Pattern and Decoration-Bewegung der 1970er Jahre, die dekorative, textile und ornamentale Quellen bewusst in die Malerei holte, um die Hierarchie zwischen „hoher” Kunst und häuslichem Dekor zu unterlaufen.
In der Gegenwart findet sich eine verwandte Bildsprache bei Malern wie Jonas Wood, der seit den 2000er Jahren mid-century Möbel, Pflanzen und Interieurs in flächig-farbigen, mustergesättigten Kompositionen porträtiert und damit international zu einem Referenzpunkt für die zeitgenössische Wiederentdeckung des Interieurs als Bildgegenstand wurde. Eclectic Purple Suite reiht sich damit in eine lange, bis heute lebendige Traditionslinie ein, in der das bürgerliche Interieur zur Bühne für Geschmacksgeschichte, Sammlungskultur und stilistische Selbstverortung wird.
