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FIRST FLOOR 2022, 60 x 90 cm

5000,00 €Preis

FIRST FLOOR

2022

Acryl Mixed Media on Canvas

60 x 90 cm

€ 5000


In First Floor entfaltet Stephanie Bing ein vielschichtiges Interieur, dessen Räume sich zwischen privatem Rückzugsort, imaginärer Sammlung und malerischer Bühne öffnen. Möbel, Gefäße, Bilder, Bücher und alltägliche Gegenstände bilden ein dichtes Gefüge, in dem sich der Blick immer wieder neu orientiert. Im Vordergrund verdichten sich Früchte, aufgeschlagene Bücher und schimmernde Gefäße zu einem ausgreifenden Stillleben. Rechts setzt ein schwarz-weiß gestreifter Sessel einen markanten Akzent; eine frei stehende Badewanne und ein leuchtend rosafarbener Hocker verschieben die vertraute Ordnung des Wohnens ins Ungewöhnliche.


Das Zentrum bestimmt eine großformatige schwarz-weiße Bildfläche, deren geometrische Formen der Fülle des Raumes eine klare, zugleich rätselhafte Struktur entgegensetzen. Darüber bilden Bücher und gerahmte Bilder eine weitere Ebene des Sammelns und Erinnerns. Ein Schädel, keramische Objekte, Pflanzen und Leuchten verteilen sich über Nischen, Ablagen und unterschiedliche Raumzonen.


Gebrochene Weiß-, Grau- und Grüntöne verleihen der Komposition eine lichte, stellenweise beinahe durchscheinende Atmosphäre. Rosa, Korallrot und warmes Gelb setzen farbliche Impulse. Lasierende Partien, zeichnerische Konturen und dichter gefasste Flächen lassen die Dinge zwischen körperlicher Präsenz und malerischer Auflösung erscheinen. Trotz seiner gegenständlichen Fülle bleibt das Bild durchlässig: Es zeigt einen Raum, ohne ihn vollständig festzulegen.


Bildinterpretation


First Floor lässt sich als Resonanzraum einer abwesenden, in ihren Dingen jedoch gegenwärtigen Persönlichkeit lesen. Kein Mensch ist sichtbar, und doch scheint das Interieur von menschlicher Anwesenheit erfüllt. Bücher verweisen auf geistige Beschäftigung, Gefäße und Früchte auf sinnliche Erfahrung, Sitzmöbel auf Ruhe und Begegnung. Die Badewanne bringt eine besonders intime Dimension in dieses offene Raumgefüge ein. Was im Alltag voneinander getrennt wäre, findet hier in einer gemeinsamen Bildwirklichkeit zusammen.


Die Gegenstände beschreiben dabei nicht nur einen Lebensstil. Sie werden zu Trägern möglicher Erinnerungen, Vorlieben und innerer Zustände. Der Schädel eröffnet eine Lesart der Vergänglichkeit, während Früchte, Pflanzen und die lebendige Farbigkeit einen Gegenpol des Wachsens und der sinnlichen Gegenwart bilden. So entsteht eine leise Spannung zwischen Bewahren und Vergehen, zwischen der Dauer der Dinge und der Flüchtigkeit des Lebens. Diese Bedeutung bleibt offen; sie liegt als Möglichkeit im Bild, nicht als festgelegte Erzählung.


Auch die räumliche Ordnung folgt weniger der Logik eines begehbaren Hauses als der Bewegung von Wahrnehmung und Erinnerung. Unterschiedliche Blickachsen, gestaffelte Ebenen und wechselnde Größenverhältnisse verbinden sich zu einer Architektur des Gleichzeitigen. Der Blick wandert, verweilt, kehrt zurück. Die zentrale geometrische Komposition und das Streifenmuster des Sessels geben ihm Halt, während die zahlreichen kleineren Objekte immer neue Wege eröffnen. First Floor macht das Wohnen damit als ein inneres Verhältnis zur Welt erfahrbar: als Ordnen, Sammeln, Erinnern und fortwährendes Neuerfinden.


Innerhalb von Stephanie Bings künstlerischem Schaffen lässt sich First Floor als prägnante Ausformung ihrer Beschäftigung mit dem Interieur als eigenständiger Bildwelt verstehen. Ihre veröffentlichten Werkbeschreibungen betonen das Zusammenspiel von Architektur, Design und ästhetischer Wahrnehmung ebenso wie die Erfindung überraschender, farblich rhythmisierter Räume. Das Interieur ist bei ihr nicht allein Gegenstand der Darstellung, sondern ein Mittel, eine neue, vom unmittelbar Vorgefundenen unabhängige Umgebung zu schaffen.


In First Floor erhält dieses Anliegen eine besonders sammlerische und intime Gestalt. Stephanie Bing verbindet die Aufmerksamkeit für das einzelne Objekt mit einer Komposition, die sich erst aus den Beziehungen zwischen den Dingen erschließt. Das Muster eines Sessels antwortet auf die Geometrie eines Bildes; die Rundungen der Gefäße korrespondieren mit Früchten und Leuchten; dunkle Konturen durchziehen die hellen Raumzonen wie ein verbindendes Gerüst. Gegenständlichkeit und Abstraktion stehen dadurch nicht im Gegensatz, sondern bringen einander hervor.


Die charakteristische Verbindung von Interieur und Stillleben, die auch in der öffentlichen Präsentation ihres Werkes hervorgehoben wird, erscheint hier als zusammenhängende malerische Sprache. Stephanie Bing verwandelt das häusliche Ensemble in eine eigenständige Erfahrungswelt, deren Reichtum nicht allein aus der Anzahl ihrer Gegenstände entsteht, sondern aus deren sorgfältig abgestimmtem Wechselspiel.


Kunsthistorisch lässt sich First Floor im Dialog mit jener modernen Interieurmalerei betrachten, in der Farbe, Ornament und Gegenstand die räumliche Ordnung wesentlich mitbestimmen. Insbesondere Henri Matisse entwickelte das Interieur als ein Bildgefüge, dessen Wirkung aus dem Zusammenspiel dekorativer Flächen, farblicher Beziehungen und räumlicher Empfindung hervorgeht. Auch die Dinge können darin über ihre alltägliche Funktion hinaus Bedeutung gewinnen. Diese Verbindung eröffnet einen tragfähigen Bezug zu Stephanie Bings Arbeit, ohne daraus eine unmittelbare Abhängigkeit abzuleiten.


Bei First Floor liegt der entscheidende Anknüpfungspunkt in der Auffassung des Innenraums als malerisch und emotional gestalteter Wirklichkeit. Stephanie Bing setzt diesen Ansatz in einer eigenen Bildsprache fort: durch die Verbindung heterogener Gegenstände, die Überlagerung unterschiedlicher Raumfunktionen und eine Oberfläche, die zwischen präziser Bezeichnung und offener malerischer Spur wechselt.


Im Kontext zeitgenössischer Malerei kann First Floor als subjektive Raumkonstruktion gelesen werden, die die Grenzen zwischen Interieur, Stillleben und abstrakter Flächenordnung durchlässig macht. Das Werk bildet nicht lediglich einen eingerichteten Raum ab; es untersucht, wie Dinge miteinander Bedeutung erzeugen und wie ein Innenraum zum Ausdruck von Individualität werden kann. Seine zeitgenössische Qualität liegt dabei gerade in der Offenheit: Der Raum bietet Vertrautheit an, ohne sich auf eine eindeutige Geschichte oder eine widerspruchsfreie Architektur reduzieren zu lassen.


Mit First Floor gelingt Stephanie Bing ein vielstimmiges und zugleich fein ausbalanciertes Raumbild, in dem die sinnliche Gegenwart der Dinge und die leise Poesie des Unausgesprochenen einander durchdringen.

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