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Hirnlandschaft mit Taube, Fischen und dem Haus vom Nikolaus 2026: Acryl Mixed Me

2300,00 €Preis
Größe

Vor einem in Blaugrau, Petrol und kühlem Silber gehaltenen Bildgrund entfaltet sich eine dichte, nahezu enzyklopädische Komposition, deren Zentrum ein mächtiges, organisch-knolliges Gebilde aus ineinander verschlungenen Linien einnimmt — ein Gehirn, ein neuronaler Baum, ein Denkgewächs, das aus dem Bildraum herauswächst wie eine fleischige, zerebrale Koralle.


Das Gewirr aus rotbraunen, blauen und schwarzen Windungen erinnert an anatomische Tafeln des 18. Jahrhunderts, gleichzeitig an die spontane Geste des Art Brut. Direkt unter diesem Hirngebilde, am Fuß des zerebralen Stammes, sitzt — still, grau, naturalistisch erfasst — eine Stadttaube. Sie ruht dort wie ein Wächter des Unbewussten, mit dem für Tauben typischen irisierenden Halsgefieder, den Kopf leicht geneigt, aufmerksam inmitten des visuellen Tumults. Ihr realistisches Erscheinungsbild bildet einen spannungsreichen Kontrapunkt zur expressiven Abstraktion ihrer Umgebung.


Im oberen linken Bereich steht das Wort „Dialogue” — aufgemalt in einer typografischen Gestik, die zwischen Druckbuchstabe und handgeschriebener Notiz changiert. Es ist zugleich Titel, Programm und Leitmotiv: Das gesamte Bild inszeniert einen vielstimmigen Dialog zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Natur und Geist, zwischen kindlicher Zeichnung und intellektueller Struktur.


Auf einer Art Wäscheleine oder Angelschnur, hängen kleine Fische — gezeichnet mit der entwaffnenden Unmittelbarkeit einer Kindergartenzeichnung, Strichfiguren in Blau und Braun, aufgereiht wie Trophäen oder Trocknungsware. Weitere Fische, etwas feiner ausgearbeitet, erscheinen rechts oben am Bildrand, diesmal in ornamentaler Reihung, fast wie ein dekoratives Fries. Diese Gegenüberstellung — naive Kinderzeichnung versus stilisierte Ornamentik — spiegelt das Grundprinzip des gesamten Werks.


Über den Bildraum verteilt finden sich zelluläre Strukturen: Kreise, Ovale, Ringe in Olivgrün, Ocker, Rosa und Weiß, die an Zellkerne unter dem Mikroskop erinnern. Sie bilden Cluster und Ketten, als habe die Künstlerin eine biologische Gewebeprobe in ihre malerische Topografie eingewoben. Daneben tauchen Vasenfragmente auf — angedeutete Formen, die an antike Keramik oder dekorative Gefäße erinnern, abgebrochen und in den Bildstrom integriert wie archäologische Fundstücke.


Das „Haus vom Nikolaus” — jenes ikonische Strichhaus, das jedes Kind kennt — erscheint als geometrisches Gerüst im oberen rechten Bereich, ein einfaches Dreieck auf einem Rechteck, wie ein Kindheitscode, der zwischen den komplexen Schichten des Bildes aufblitzt. Daneben zeigen sich Schuppenformen — blaue, sich überlappende Bogen, die zugleich an Fischschuppen, Dachziegel und textile Muster denken lassen.


Die Farbpalette bewegt sich zwischen kühlem Blaugrau und Grau-Silber als Grundton, durchbrochen von leuchtenden Neonpink- und Magentaakzenten, warmem Ocker, Zitronengelb und Olivgrün. Die Pinselführung wechselt zwischen breiten, flächigen Strichen, feinen linearen Zeichnungen und pastos aufgetragenen Farbinseln. Das Bild vibriert in einem Rhythmus aus Verdichtung und Auflösung, aus Kontrolle und bewusstem Kontrollverlust.


Interpretation

Das Werk operiert auf der Schwelle zwischen Denken und Fühlen, zwischen dem analytischen Blick (das Gehirn, die Zellstrukturen, das Wort „Dialogue”) und der sinnlichen Unmittelbarkeit (die Taube, die Kindergartenfische, die Neonfarben). Es ist ein Bild über das Bild-Machen selbst — ein Meta-Dialog darüber, wie Bedeutung entsteht, wenn man Dinge nebeneinanderstellt, die scheinbar nicht zusammengehören.


Das Gehirn als zentrales Motiv steht für den Denkprozess, für die zerebrale Maschinerie der Assoziation und Verknüpfung.


Dass die Taube — ein Tier des Instinkts, der Gewohnheit, der stillen Beharrlichkeit — direkt darunter sitzt, ist kein Zufall: Sie verkörpert das Gegenprinzip, das Körperliche, das Erdgebundene, das, was nicht denkt, sondern einfach ist. Der Dialog zwischen Hirn und Taube ist der Dialog zwischen Intellekt und Intuition, zwischen Konzept und Kreatur.


Die Kindergartenfische an der Leine verweisen auf eine Urform des bildnerischen Ausdrucks — auf jene erste, unverbildete Geste des Zeichnens, die jeder Mensch als Kind vollzieht. Bing integriert diese kindliche Bildsprache nicht ironisch, sondern respektvoll, als gleichwertige Stimme im Chor der visuellen Sprachen, die das Bild versammelt. Das „Haus vom Nikolaus” — ein universelles Kindheitssymbol aus der deutschen Zeichentradition — verstärkt diese Schicht: Es ist ein Erinnerungsfragment, ein visuelles Passwort zur Kindheit, eingebettet in eine erwachsene, komplexe Komposition.


Die zellulären Strukturen und Schuppenformen fügen eine biologische und naturkundliche Ebene hinzu. Das Bild wird zur Wunderkammer, in der Natur (Zellen, Schuppen, Fische, Taube), Kultur (Vasen, Typografie, Architektur) und Psyche (Gehirn, Kindergartenzeichnung, Erinnerung) in einem einzigen Bildraum koexistieren.


Kontext und Einordnung Werkzusammenhang

m Januar 2026 entstand bereits das kleinformatige Werk „Die Taube auf dem Dach” (Acryl Mixed Media auf Leinwand, 30 × 24 cm, Epoxid-Finish), in dem eine naturalistisch erfasste Stadttaube — grau-weiß schimmernd, mit dem charakteristischen grün-violetten Halsgefieder — inmitten eines vibrierenden Bildraums aus Neonpink, Türkis, Kobaltblau und Orange thront. Dort sitzt die Taube „fast würdevoll” auf einem Dachfirst, umgeben von collagierten Fragmenten, einem großen „X”, dem Schriftzug „ONE”, floralen Kreisformen, zellulären Strukturen und ornamentalen Mustern. Ein weiteres kleines Werk, später unter dem vollständigen Titel „The Dove upon the Mythic Blue Leopard’s Roof” beim internationalen Wettbewerb „Amazing Animals 2026” der Camelback Gallery in Scottsdale, Arizona, eingereicht, wurde beschrieben als „dichtes, abstrakt-figürliches Gemälde, in dem eine Dachtaube und ein mythischer blauer Leopard aus einem vibrierenden Geflecht aus Symbolen, Rahmen und Texturen auftauchen und städtisches Chaos mit träumerischer Tierenergie und verspielter Farbigkeit verbinden.”

Im vorliegenden Werk kehrt die Taube zurück — doch ihr Kontext hat sich verschoben.


War sie im anderen Gemälde Partnerin eines mythischen blauen Leoparden, so tritt sie hier in den Dialog mit einem Gehirn, mit Zellkernen, mit Kindergartenfischen und mit dem Haus vom Nikolaus. Die Taube wandert gleichsam von einer urbanen Dachlandschaft in eine zerebrale Landschaft, vom Außen ins Innen, vom mythischen Tier-Dialog zum neuronalen Selbstgespräch. Was beide Werke verbindet, ist die Methode: die Konfrontation eines naturalistisch erfassten, Tieres mit einem explosiv-abstrakten, symbolisch aufgeladenen Bildraum. In beiden Fällen entsteht die Spannung aus dem Gegensatz zwischen der ruhigen Präsenz der Taube und dem visuellen Tumult ihrer Umgebung.


Künstlerische Position

Das Werk reiht sich in Bings Praxis der „psychischen Topografien” ein — jene dicht geschichteten, erzählerisch aufgeladenen Bildräume, in denen biografische Fragmente, architektonische Versatzstücke, ornamentale Muster und naturkundliche Motive zu einer Art visueller Archäologie verschmelzen. Die Verbindung von naturalistischer Tierdarstellung mit abstrakt-collagiertem Hintergrund, die bereits bei „Die Taube auf dem Dach” konstatiert wurde, wird hier ins Programmatische gesteigert: Das Wort „Dialogue” benennt explizit, was in Bings Bildern implizit immer geschieht — ein vielstimmiges Gespräch zwischen Bildebenen, Bedeutungsschichten und ästhetischen Registern.

  • Acryl Mixed Media on Canvas

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