Iconic 2026 Port Andratx
Iconic
2026
Acryl Mixed Media on Canvas
150 x 100 x 2 cm
€ 8000
Das Hochformat wird von einem hellen, fast gleißenden Weiß bestimmt, das nicht als leerer Grund erscheint, sondern als eigenständige, plastisch modellierte Materie. Im Zentrum steht der mit Schablone und grauem Sprühnebel gesetzte Schriftzug „ICONIC“, eingefasst von einem pastos aufgetragenen, reliefartigen Kreis aus weißer Strukturmasse. Von der oberen Bildkante laufen gelbe, ockerfarbene und orangefarbene Farbbahnen senkrecht über die Fläche und ziehen das Bild wie ein Vorhang aus Licht nach unten. Am linken Rand bildet ein vertikales Band aus Spitzen- und Ornamentschablonen eine feine, textile Bordüre, begleitet von schwungvollen gelben Spiralschleifen. In der unteren Bildhälfte erscheint in kalligrafisch geführten Ocker- und Orangelinien ein Fisch, dessen Kontur sich zwischen Zeichnung, Schriftgeste und Farbspur bewegt. Weiße, spachtelartige Gesten, zarte Kreisformen und graffitiartige Zeichen verteilen sich über das ganze Format, sodass ein dichtes und dennoch luftiges Gefüge aus Schrift, Relief und fließender Farbe entsteht.
Interpretation
ICONIC verhandelt die Frage, was ein Bild, ein Zeichen oder eine Person zur Ikone macht, und beantwortet sie nicht mit Glanz, sondern mit Prozess. Der Schriftzug wirkt wie ein Etikett unserer Gegenwart, in der das „Ikonische“ zur Ware der sozialen Medien geworden ist; zugleich ist er durch den Sprühnebel, die teilweise verblassenden Buchstaben und die darüberlaufenden Farbbahnen bereits in Auflösung begriffen. Der weiße Kreis legt sich um das Wort wie ein Heiligenschein, ein Stempel oder ein Ring der Erinnerung und rückt die Sprache in die Nähe des Sakralen. Das Gelb der Laufspuren lässt an den Goldgrund byzantinischer Ikonen denken, wird hier aber nicht flächig und erhaben eingesetzt, sondern fließt, tropft und gehorcht der Schwerkraft. Der Fisch, eines der ältesten Bildzeichen der Menschheit und als Ichthys frühes Erkennungssymbol des Christentums, verbindet die Idee der Ikone mit dem Lebendigen, dem Meer und der Insel. So entsteht ein Bild über die Spannung zwischen Dauer und Vergänglichkeit, zwischen Kontrolle und Zufall, zwischen dem gesetzten Wort und dem, was sich ihm entzieht.
Kontexteinordnung im Werk von Stephanie Bing
Innerhalb des Œuvres von Stephanie Bing markiert ICONIC eine konsequente Weiterführung ihres abstrakten Ausdrucksalphabets, in dem Schrift, Ornament und biologische Form gleichberechtigte Bildelemente sind. Der Fisch knüpft an ihre maritimen Werkgruppen an, etwa an „Das kleine Einmaleins der Fische“ und „Mapping the Living“, in denen Lebewesen zu Trägern von Ordnung, Zählung und Erinnerung werden. Die Spitzenschablone am linken Rand verweist auf ihre langjährige Auseinandersetzung mit Textil, Muster und Interieur, die sie hier in eine rohe, urbane Bildsprache überführt. Entstanden ist das Werk in ihrem Felsen-Atelier auf Mallorca, drei Meter unter der Erde vor einer offenen Ziegelwand, und dieser archaische Ort schreibt sich in die Arbeit ein: Die weiße, reliefartige Strukturmasse erinnert an Kalk, Stein und mediterrane Wandflächen. Die präzise mit der Schere ausgeschnittene Buchstabenschablone und das freie Laufenlassen der Farbe zeigen exemplarisch, wie Stephanie Bing kalkulierte Setzung und malerisches Geschehenlassen zu einer eigenständigen Handschrift verbindet.
Kunsthistorisch steht ICONIC an der Schnittstelle mehrerer Traditionen. Die Verbindung von Wort und Bild ruft die Textmalerei seit den 1980er-Jahren auf, von Jean-Michel Basquiats Krönungs- und Wortzeichen bis zu Christopher Wools schablonierten Buchstabenbildern, in denen Sprache zur malerischen Oberfläche wird. Die weiße, materialhaft verdichtete Fläche mit eingeritzten und aufgetragenen Zeichen steht in der Nähe von Antoni Tàpies, dessen Malerei Wand, Spur und Symbol zu einer existenziellen Materie verschmolz, und auch Cy Twomblys schreibende, tastende Gesten auf hellem Grund klingen an. Die senkrechten Laufspuren erinnern an die Prozessmalerei des Abstrakten Expressionismus und an die bewusste Integration des Zufalls, wie sie Sigmar Polke in seinen Lack- und Schüttbildern betrieben hat. Mit Blick auf Mallorca liegt zudem die Zeichenwelt Joan Mirós nahe, der auf der Insel eine poetische Sprache aus Linie, Kreis und kosmischem Symbol entwickelte. Stephanie Bing greift diese Bezüge nicht zitierend auf, sondern verdichtet sie zu einer zeitgenössischen Position, die Street Art, Ikonografie und Materialmalerei in eine weibliche, lichtdurchflutete Bildsprache überträgt.
ICONIC überzeugt als Werk von großer Leuchtkraft und innerer Spannung, in dem das Weiß zu atmen beginnt und ein einziges Wort zum Ausgangspunkt einer vielschichtigen Reflexion über Bild, Zeichen und Lebendigkeit wird.
