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Icono de luz. 2021

1800,00 €Preis

Icono de luz

2021

Acryl Mixed Media on Canvas 50 x 40 cm

€ 1800


Das hochformatige Werk (50 × 40 cm) präsentiert sich als dichtes, allover collagiertes Arrangement vor grellem Magenta- und Pinkgrund, der von gelbgrünen Farbspritzern durchsetzt ist. Oben mittig schwebt, quer über die gesamte Bildbreite gelegt, ein bleich-silbriger Hering, direkt unter der Signatur „Stephanie Bing 2021“. Rechts daneben ist, wie ein aus einer Zeitschrift gerissenes Werbefragment, in weißen Versalien auf tiefrotem Grund der titelgebende Schriftzug „Icono de luz“ eingesetzt. Links oben hängt, gerahmt in Schwarz, eine reduzierte Konturzeichnung einer weiblichen Figur im Profil – eine grafische, an Modeillustration erinnernde Linienstudie in Grau und Schwarz; direkt darunter klebt ein weiteres Papierfragment mit dem angeschnittenen Wort „TEXT[U]RAS“.


Im Zentrum des oberen Bildfelds ruhen zwei satt gelbgrüne Birnen aneinandergelehnt auf einem zerknitterten, pink-goldenen Blumenstoff. Rechts davon hängt, in einem opulenten Goldrahmen, ein Seestück im Stil der klassischen Marinemalerei – ein Segelschiff in aufgewühlter See, ein „Bild im Bild“. Darunter zieht ein zweiter, naturalistisch gemalter Fisch – ein graugrüner Forellen- oder Barschkörper – nach rechts durchs Bild. Am linken Bildrand taucht, nur angeschnitten, ein bleicher Totenschädel auf, direkt darüber und darunter gerahmt von zwei weiteren skizzenhaften Aktstudien in Schwarz-Weiß.


Im mittleren Bildfeld steht links eine skulpturale, kobalt- und grünblaue Glasflasche mit herabtropfender blauer Farbe, daneben ein Behälter mit Zebra-Streifenmuster, aus dem grüne Blattpflanzen wachsen. Zentral erhebt sich eine schwarze, maskenhaft-abstrahierte Lampenskulptur mit gelb aufleuchtendem Kern, rechts davon schwebt eine dritte, goldgelbe Birne. Am rechten Bildrand dominiert eine überdimensionierte, schwarze Hand-Skulptur mit einer roten, wundenartigen Wirbelzeichnung auf der Innenfläche – eine dramatische, beinahe unheimliche Geste. Unten links ist in kräftigen gelben Blockbuchstaben das Wort „DISEÑO“ collagiert.


Den unteren Bildabschluss beherrscht ein sitzender, großformatig gemalter Leopard mit charakteristischer Rosettenzeichnung, der frontal vor einem zweisitzigen Sofa mit rosa-geblümten Kissen und Rautenmuster-Bezug thront. Rechts unten ist ein weiteres Textfragment „…RALES“ angeschnitten, links unten steht eine kleine blaugraue Keramikvase, und ein diagonal ins Bild ragender Pinsel markiert den unteren linken Bildrand. Signatur und Datierung „Stephanie Bing 2021“ befinden sich oben, unmittelbar über dem schwebenden Fisch.


„Icono de Luz“ – „Ikone des Lichts“ – versammelt in dichtester Bildökonomie eine Fülle heterogener Objekte, die auf den ersten Blick keiner gemeinsamen Logik zu folgen scheinen: Fische, Totenschädel, Früchte, ein Seestück, eine Raubkatze, Designobjekte und Textfragmente aus Zeitschriften. Genau in dieser enzyklopädischen Zusammenführung disparater Dinge liegt die eigentliche Pointe des Werks: Es funktioniert wie eine gemalte Wunderkammer, ein Kuriositätenkabinett, in dem Naturalia (Fische, Schädel, Früchte, Raubtier), Artificialia (Lampe, Glasflasche, Möbel, Rahmenbild) und Scriptura (die eingeklebten Wortfragmente „Icono de luz“, „Diseño“, „Texturas“) auf engstem Raum zusammentreffen und sich gegenseitig kommentieren.


Der bleiche Totenschädel am Bildrand, flankiert von den beiden Fischen und den satten Früchten, zitiert unmittelbar die niederländische Vanitas-Stilllebentradition, in der Schädel, Blumen und Speisen die Vergänglichkeit allen irdischen Glanzes und die Nichtigkeit weltlicher Genüsse vor Augen führen sollen (Britannica).


Bing bricht diese memento-mori-Ikonografie jedoch auf: Der Schädel wird nicht zum mahnenden Zentrum, sondern zu einem gleichwertigen Objekt neben Designlampe, Sofakissen und Modeskizze – das Vanitas-Motiv verliert seine moralische Schwere und wird Teil eines übersättigten, hell erleuchteten Dingkosmos. Der titelgebende Lichtbegriff „Icono de Luz“ verweist dabei doppelt: auf die schwarze Lampenskulptur im Bildzentrum als profanes „Lichtobjekt“ und auf die grelle, beinahe blendende Farbigkeit des gesamten Bildraums, der wie unter Neonlicht zu leuchten scheint.


Der sitzende Leopard – unübersehbar das größte und dominanteste Bildelement – tritt dabei als eigentlicher „Hausherr“ dieser Kuriositätensammlung auf: Er thront wie ein domestiziertes, zugleich unheimlich präsentes Wildtier auf dem häuslichen Sofa und markiert den Bruch zwischen ziviler Wohnkultur und ungezähmter Natur. Die überdimensionierte schwarze Hand mit ihrer wundenartigen roten Zeichnung rechts im Bild verstärkt diesen Unterton: eine surreale, fast bedrohliche Geste, die zwischen Schutz und Übergriff changiert.

III. Einordnung in das Werk von Stephanie Bing

„Icono de Luz“ steht in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bings Werkgruppe rund um opulente, collagierte Interieurs, in denen reale Papierfragmente, Textfetzen und gefundenes Bildmaterial mit gemalten Passagen verschmelzen – ein Verfahren, das sich etwa auch in „Maisonette Suite“ (2024) wiederfindet, wo Treppenhaus, Stillleben und ein schwebender Fisch zu einem vielschichtigen Rauminventar verwoben werden. Anders als dort, wo der Fisch als vitales, aus seinem Gerüst befreites Trophäenwesen erscheint, treten in „Icono de Luz“ gleich zwei Fische auf – einer nahe der Signatur, einer im Bildzentrum – begleitet von Schädel und Raubkatze: eine Verdichtung des Tiermotivs, die unmittelbar an Bings vielbeachtete Einzelausstellung „Amazing Animals“ in der Galerie Am Fischerweg, Korbach, anschließt, in der Tierdarstellungen als Träger existenzieller und psychologischer Bedeutungsebenen im Zentrum standen.


Zugleich reiht sich das Werk in die von der Künstlerin selbst beschriebene Bildlogik ein, wonach Interieurs – hier das domestizierte Sofa-Arrangement – zu Projektionsflächen für Erinnerung, Sehnsucht und biografische Spuren werden, ohne in illustrative Erzählung zu kippen. Die Wohnzimmer-Requisiten (Sofa, Lampe, Rahmenbild) treffen auf naturkundliche und vanitashafte Motive und führen damit Bings zentrales Thema der Verschränkung von häuslichem Rückzugsort und existenzieller Aufladung in einer besonders dichten, collagenhaften Variante fort.


Kunsthistorisch lässt sich „Icono de Luz“ in die lange Traditionslinie der Wunderkammer beziehungsweise des Kuriositätenkabinetts stellen, jener enzyklopädischen Sammlungsform der europäischen Renaissance, die Naturalia, Artificialia und Kunstgegenstände ohne feste Gattungsgrenzen nebeneinander präsentierte (Wikipedia). Bing übersetzt dieses Sammlungsprinzip in die Fläche der Leinwand und verbindet es mit der niederländischen Vanitas-Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts, deren Schädel- und Fruchtmotive seit jeher Vergänglichkeit und Sinnenfreude gegeneinander ausspielen.


Formal-technisch steht das Werk in der Nachfolge der Combine-Paintings Robert Rauschenbergs, der ab den 1950er-Jahren Alltagsgegenstände, Fotografien und Fundmaterial mit Malerei zu hybriden Bildobjekten verschmolz und damit die Grenze zwischen Malerei und Skulptur, zwischen hoher Kunst und Massenkultur aufhob.

Die eingeklebten Werbe- und Zeitschriftenfragmente „Icono de luz“, „Diseño“ und „Texturas“ knüpfen zugleich an die Appropriations- und Collagetechniken der Pop Art an, die gedruckte Alltagssprache und Konsumbildwelten direkt in die Bildfläche integrierte. Aus diesem Dreiklang von Wunderkammer, Vanitas-Stillleben und Pop-Art-Collage entwickelt Bing eine eigenständige, farbintensive Bildsprache, in der historische Bedeutungsschichten und gegenwärtige Konsum- und Designästhetik zu einem einzigen, leuchtenden Dingkosmos verschmelzen.




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