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Lecciones Elementales (Elementare Lektionen)

8000,00 €Preis

Lecciones Elementales (Elementare Lektionen)

Transforming - a statement of self expression

2026

Acryl Mixed Media on Canvas

100 x 120 x 4 cm

€ 8000


Das Bild zeigt ein dicht komponiertes, collageartiges Feld aus Zeichnung, Schrift, Ornament und pastoser Farbe, das um ein zentrales, rot gefasstes Buch mit der Aufschrift „Lecciones – Elementes – Geometria“ kreist. Die Fläche wirkt wie ein visuelles Notizbuch: Ziffernreihen, Buchstaben, Skalen, organische Formen, Muster und kleine Gegenstände überlagern sich, lösen sich gegenseitig ab und sind nur teilweise noch an klassische Raumordnung gebunden.


In diesem vielschichtigen Bild verweben sich Erinnerungen an Schulzeit und Kindheit mit der Suche nach individueller Selbstbestimmung. Im Zentrum steht ein altes Geometrielehrbuch, über dem ein organisch gezeichnetes Gehirn schwebt – als Symbol für Denken, Lernen und die Fähigkeit, starre Wissenssysteme kreativ zu überschreiben. Links taucht ein Hausmotiv als einfache Kinder-Strichzeichnung auf, das für frühe Prägungen, Schutzräume, aber auch normierende Erwartungen steht. Der eingebettete Text „Transforming – a Statement of self expression“ benennt programmatisch den Prozess, den die Collage sichtbar macht: Die eigenen Bilder, Erinnerungen und Zeichen werden immer wieder überarbeitet, übermalt und neu kombiniert, bis aus vorgegebenen Strukturen ein selbstbewusster Ausdruck persönlicher Identität entsteht.


Das Bild im Querformat (ca. 120 × 100 cm) organisiert sich um ein klares Zentrum und zugleich offene, prozesshafte Ränder: Im Fokus liegt das rote Geometriebuch, das von Spitzen und Spitzenmustern umrahmt ist und dadurch wie ein altmodischer Schulgegenstand erscheint, der zugleich die Aura eines Reliquiars oder kleinen Altars erhält. Von diesem Zentrum aus breitet sich die Komposition nach außen hin aus, wo Motive ansetzen, überlagert werden und wieder „abreißen“, sodass ein lebendiger Rhythmus zwischen Verdichtung und Leere entsteht.


Der Farbraum wird von hellen, teils pastelligen Weiß‑, Rosa‑, Türkis‑ und Gelbtönen getragen, die mit kräftigen Akzenten in Rot, Magenta, Grün und Schwarz kontrastieren und die einzelnen Bildelemente miteinander verknüpfen. Im oberen und seitlichen Bereich finden sich schuppen‑ und flügelartige Formen, eine Zahlenreihe von „1 2 3 4 5 6 7 8 9 0“, Kreise, Netzstrukturen sowie florale und neuronale Anmutungen, die an organisches Wachstum erinnern. Im linken unteren Feld tauchen die Buchstaben „ABC DEF GH…“, geometrische Konstruktionen und Fragmente von Architektur oder funktionalen Objekten auf, während rechts Gefäße, der Umriss eines Instrumentenkörpers, ketten‑ oder perlenartige Linien sowie abstrahierte Körperfragmente zu sehen sind.

Die Oberfläche entsteht aus einer vielschichtigen Mischtechnik mit Malerei, Zeichnung, Schablonendruck, Collage und Strukturpasten. Übereinander gelegte Lasuren und deckende Farbschichten erzeugen eine spannungsreiche Tiefe, in der sich Motive immer wieder neu überlagern, auflösen und hervortreten – ein bildnerischer Prozess, der den transformierenden Charakter des Werks unmittelbar erfahrbar macht.


Interpretation


1. Bild als visuelles Denken über Geometrie und Imagination


   - Das spanische Geometrie‑Lehrbuch im Zentrum verweist auf Ordnung, Rationalität, schulisches Lernen und mathematische Struktur.

   - Die umgebenden organischen und unregelmäßigen Formen wirken wie eine Befreiung oder poetische Erweiterung dieser strengen Geometrie: Wissen wird nicht nur „gemessen“, sondern erlebt, assoziiert, erinnert.

   - Das Bild lässt sich als „Brainstorming‑Tafel“ lesen: Fragmente von Unterricht, Kindheitserinnerungen, Studienheften und künstlerischer Forschung mischen sich zu einem dichten Denkraum.


„Lecciones“ und „Elementes“ verweisen hier sehr konkret auf den Charakter des zentralen Buches – ein spanisches Lehr‑und Schulbuch der Geometrie – und zugleich symbolisch auf Lernprozesse.

• „Lecciones“ ist Spanisch und bedeutet „Lektionen“ oder „Unterrichtseinheiten“; es ruft den Kontext von Unterricht, systematischem Lernen und Schulzeit auf.


• „Elementes“ (orthografische Variante von „elementales/elementos“) spielt auf die „Elemente“ bzw. „elementaren Grundlagen“ der Geometrie an, wie sie in historischen Lehrbüchern mit Titeln wie „Lecciones elementales de geometría“ vorkommen.


Im Bild markieren beide Begriffe deshalb einerseits das Buch als Quelle von Grundwissen und Ordnung (Geometrie‑Regeln, Konstruktionen), andererseits stehen sie ironisch‑poetisch für die „Lektionen“ und „Elemente“, aus denen die Künstlerin ihre ganz eigene, freie Bildsprache entwickelt – also für den Rohstoff, aus dem sich die Farbe nun „selbstständig“ macht.


Religiöses Bildzeichen und das historische Schulbuch


In diesem Gemälde greift Stephanie Bing mit dem Geometriebuch von G. M. Bruño auf ein Lehrwerk zurück, das aus einer Tradition des späten 19. Jahrhunderts um 1890 stammt, in der mathematisches Wissen stark normiert und autoritär vermittelt wurde. Das Buch steht damit im Bild nicht nur für Ordnung, Maß und rationale Raumkonstruktion, sondern verkörpert eine ganze Epoche schulischer Disziplin und eines streng kanonisierten Wissensbegriffs.


Besonders aufschlussreich ist, dass Bing die kleine Christusfigur, die sie als Signet in diesem Schulbuch entdeckt hat, auf der anderen Seite der Komposition sichtbar macht. Aus dem ursprünglichen Kontext eines religiös geprägten Unterrichts herausgelöst, wird Christus zum Bildzeichen, das die enge Verschränkung von Vernunft (Geometrie) und Glaube (katholische Moral‑ und Glaubenslehre) in der damaligen Bildungswelt markiert.

Indem Bing dieses religiöse Miniaturbild aus dem Buch herausnimmt, vergrößert und in den freien, farbgesättigten Denkraum des Gemäldes überführt, entzieht sie es seiner ursprünglichen Vereinnahmung. Die Christusfigur fungiert nun eher als historisches Relikt und als Symbol einer machtvollen Werteordnung, aus der sich ihre Malerei emanzipiert. Im Kontext des Mottos „Die Farbe verlässt den Raum und macht sich selbstständig“ wird deutlich, dass nicht nur die Farbe, sondern auch die Zeichen der Autorität – Schulbuch, Geometrie, Christusbild – in einen offenen, poetischen Verhandlungsraum überführt werden, in dem Bing ihnen eine neue, selbstbestimmte Bedeutung einschreibt.


2. Farbe als Akteur, der den Raum verlässt


   - Das Motto legt nahe, dass Farbe nicht mehr bloß das Interieur „ausmalt“, sondern selbst Subjekt und Handlungsträger wird: Sie sickert aus Formen heraus, überlagert Konturen, bildet eigene Bahnen.

   - Die klassischen Bingschen Interieur‑Elemente sind hier nur noch als Schatten oder Andeutungen präsent (Vasen, Instrument, Architektursilhouetten); wichtiger sind Farb-Flüsse, Cluster und „Wucherungen“ von Farbe.

   - So entsteht der Eindruck, dass die Malerei sich aus der Bindung an Bings topographische Räume löst und in einen freieren, experimentelleren Aggregatzustand übergeht – ein Übergangsbild zwischen Interieur und abstraktem Denk‑ oder Erinnerungsraum.


3. Erinnerung und Bildung


   - Spanischer Buchtitel und deutsche Begriffe („Lecciones“, „Elementes“, „Geometria“) verbinden persönliche Biografie (Reisen, Mehrsprachigkeit) mit akademischer Ausbildung in Kunst, Kunstgeschichte und Literatur.

   - Die Collage von Schul‑, Alltags‑ und Kunstzeichen kann als Reflexion der eigenen Bildungswege gelesen werden: Gelerntes (Geometrie, Schreiben, Messen) wird bemächtigt, dekonstruiert und in eine eigenständige Bildsprache überführt.

   - Damit thematisiert das Werk auch künstlerische Selbstermächtigung: Die Künstlerin nimmt die Ordnungssysteme, die sie geprägt haben, auseinander und formt daraus eine individuelle, emotionale Topografie.


  • In ihren neueren Arbeiten (2026) wurde bereits eine zunehmende Verdichtung und Auflösung klassischer Raumgrenzen sichtbar: Muster und Ornament treten in den Vordergrund, Perspektive wird unterlaufen, Objekte schweben, Maßstäbe kippen.

  • - Das vorliegende Bild radikalisiert diese Entwicklung, indem der Interieur‑Bezug fast vollständig zugunsten einer „Wand des Denkens in Farbe“ zurücktritt; es wirkt wie ein Labor, in dem Bing die Selbstständigkeit von Farbe und Zeichen erprobt.


„Ich male den Gedanken selbst.“

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