Turmbau zu Babel aus Kissen, Stillleben und Landschaft. 2026
Deutsch: „Turmbau zu Babel aus Kissen, Stillleben und Landschaft”
Französisch: „Petite Tour de Babel — coussins, nature morte et paysage”
Werkdaten: 2026 · Acryl und Mixed Media auf Leinwand ·
70 × 50 cm · € 2.500
Stephanie Bing errichtet auf einem hochformatigen Bildträger einen schmalen, vertikalen Turm aus geschichteten Gattungen — Interieur, Vanitas, Pop-Zitat und Naturkundekabinett greifen ineinander, statt sich zu trennen.
Über collagierte Buchseiten aus einem kunsthistorischen Band zur klassischen Moderne — sichtbare Passagen zum Expressionismus, zur Reinheit der Künste, zu Le Corbusier, zum Surrealismus und zum Ikonoklasmus der Avantgarde — legt Bing einen körperhaften Duktus in Terrakotta, Orange und Violett. Über die gesamte Fläche streut sie lachs-, mint- und cremefarbene Tupfen wie fallende Blütenblätter; der pointillistisch aufgerissene Rand nimmt dem Interieur seine Wandhaftigkeit und öffnet es ins Freie.
Links steht auf einem schwarzen, zylindrischen Sockel eine helle, klassisch-griechische Aktfigur nach Vorbild einer Aphrodite/Venus pudica, deren kalter Marmor gegen den violettfarbenen Grund kontrastiert. Davor ein goldgefasster, filigraner vierbeiniger Konsolentisch mit floralem Fries; darauf zwei Tischlampen — eine mit orangefarbenen Schirm, eine zweite mit heller, glockenförmiger Stoffhaube — sowie eine silbrig glänzende Kanne, eine schmale weiß-rot gesprenkelte Karaffe und eine bauchige orange-cremefarben marmorierte Vase.
Bildmitte — der Turm
Aus der Mitte steigt ein instabil wirkender Kissen-Stapel: unten schwer und blutrot bis weinrot, Textilien in Preußischblau, Rosé und Creme, oben ein Wechsel aus Zierkissen mit griechischem Mäanderband, Damast und einem goldgelben Seidenkissen.
An der collagierten Wand hängen dicht übereinander gerahmte Kleingemälde — eine dunkle Wolkenstudie im breiten Rahmen und darunter, ornamental gerahmt, ein üppiges Blumenstillleben mit Äpfeln in der Manier des holländischen Barock.
Rechte Bildhälfte — Tafel, Fisch und Naturkunde
Rechts trägt ein einbeiniger, dreifüßiger Guéridon mit Goldbronzeleiste eine blau-weiße Deckelterrine im Delft- bzw. Meissener Zwiebelmuster-Register und eine dazu passende Tasse mit Untertasse mit dunkel-floralem Dekor. Über der Tafel hängen, wie in einer holländischen Küchenstillleben-Tradition an den Schwänzen aufgereiht, zwei große Fische — eine silbrig-schuppige und ein rötlich-goldener Meerbrassen-Typus, deren Augen den Betrachter fixieren. Rechts daneben, tafelartig an die Wand geheftet, drei naturkundliche Bildtafeln: oben eine Reihe geöffneter Miesmuscheln, in der Mitte eine gerasterte Farbtafel, die an Goethes Farbkreis und moderne Farbmuster-Karten zugleich erinnert, und darunter ein Kabinett verschiedener Muschelformen — Herz-, Kamm- und Turmschnecken — in Sepia auf hellem Grund.
Vordergrund — Vanitas, Pop und Luxus
Am unteren Bildrand versammelt Bing das eigentliche Neo-Vanitas-Ensemble: eine opulente Prunkvase in Türkis-Kobalt mit weißer Lilie, roten Anemonen, Lavendelrispen und gemischtem Wiesenwerk, daneben eine dunkle Schokoladen-Sahne-Torte auf blauem Teller mit Beeren, ein rotbackiger, grüner und gelber Apfel als ikonografische Signale — ein leuchtend roter Fliegenpilz und ein schwarz glänzender Hirschhornkäfer links unten.
Mittig durchquert, wie aus einem Werbeprospekt der Wirtschaftswunderzeit ausgeschnitten, ein Opel Kapitän P2 (um 1959–1963) in zweifarbigem Lack — cremefarbene Karosserie mit dunklem Dach, verchromter Doppelrundscheinwerfer-Front und dezenten Heckflossen — das Stillleben; die rothaarige Fahrerin am Steuer verwandelt das repräsentative Familienauto der frühen Bundesrepublik in ein Pop-Zitat.
Links vorne steht, hyperreal ausgearbeitet, eine rote Hermès Kelly Bag mit silbernem Schloss und Cadenas als zeitgenössisches Statussymbol neben der antiken Venus — die beiden weiblichen Körperbilder, Marmor und Leder, rahmen die Komposition.
Der Turm ist Bings Werkstatt-Achse: Kissen, Rahmen — die Materialien, aus denen Interieur und Bildgedächtnis gebaut sind. Rechts das Naturkundekabinett mit Fisch, Muschel und Farbtafel liest sich als stille Referenz auf Goethes Morphologie und Farbenlehre und verankert die Malerei in einer wissenschaftlichen Sehschule; links Antike und Lampe stehen für Kanon und Beleuchtung; im Vordergrund kollidieren Pop, Vanitas und Luxusware. Kelly Bag, Fliegenpilz und Opel Kapitän schichten drei Jahrzehnte deutscher Nachkriegsbegehrlichkeit in eine einzige Bildebene.
Das Werk reiht sich damit ein zwischen Pattern-and-Dekoration, den Bildschichtungen eine Sigmar Polkes und der Interieur-Ikonografie einer Karin Kneffel — ohne jemals dekorativ zu werden: denn jede von Bing gemalte Ebene ist Zitat und Materialentscheidung zugleich.
Einordnung im Werk von Stephanie Bing
Das Gemälde verbindet zwei Stränge, die Stephanie Bings Œuvre seit Jahren prägen: die Interieur- und Designmalerei, in der Möbel, Keramik, Rahmen und Textilien als Träger von Erinnerung, Geschmack und kultureller Referenz auftreten, und die Neo-Vanitas- und Collage-Praxis, in der historische Textseiten, Klassik und Pop gleichrangig geschichtet werden.
Die Verwendung gefundener Buchseiten schließt an Arbeiten wie „Voyage Intérieur” mit ihren französischen Zeitungsfragmenten der 1950er Jahre und an das Werk aus den 1967er Dachbodenzeitschriften an, in dem häusliches Design bereits als fragiles, kein romantisches Versprechen inszeniert wurde.
Die vertikale Stapelung von Objekten, Rahmen und Vegetation greift die charakteristische Verdichtung ihrer kleinformatigen Stillleben auf und überführt sie in ein architektonisches, turmartiges Prinzip.
Bings wiederkehrendes Anliegen, Klassik und Gegenwart, Designgeschichte und Häuslichkeit, Hochkultur und Alltag als gleichzeitig präsente Schichten zu behandeln, erhält in diesem Werk seine bislang expliziteste Bildform: den Turm.
Einordnung in die zeitgenössische Kunstgeschichte
Kunsthistorisch bewegt sich das Werk in einer Linie mit Positionen, die gedruckte Vergangenheit als aktiven Bildgrund und nicht als bloßes Zitat behandeln. Robert Rauschenbergs Combines und Sigmar Polkes übermalte Zeitungsseiten haben das Verfahren begründet, kulturelle Textreste unter malerischen Duktus zu legen; Njideka Akunyili Crosby führt es in die Gegenwart, indem sie Interieurs, Familienerinnerung und gedruckte Fragmente zu politisch aufgeladenen häuslichen Bildern verdichtet.
Bings Turm-Motiv verbindet sich mit dieser Praxis, öffnet aber zugleich einen Dialog mit dem Pattern-and-Decoration-Erbe — Miriam Schapiro, Joyce Kozloff, Valerie Jaudon, Robert Kushner — deren feministische Verteidigung von Ornament, Textil und häuslicher Handwerkskultur gegen die Reinheitsdogmen der männlichen Avantgarde hier ebenso mitschwingt wie die maximalistische Bildfreude von Beatriz Milhazes oder Tal R.
Das Motiv des Turmbaus zu Babel wird in der jüngeren Kunst — von Anselm Kiefer bis zu zeitgenössischen Collagepositionen — regelmäßig als Bild für Sprach-, Wissens- und Bildersturz aufgerufen; Bing übersetzt dieses monumentale Sujet ins Kammerformat und in den Salon, entzieht ihm die apokalyptische Geste und verwandelt es in eine leise, ornamentreiche Feier der Vielsprachigkeit.
Die Buchseiten aus dem Moderne-Kanon, über die der Turm gebaut wird, machen den Konflikt zwischen Tabula-rasa-Rhetorik der Avantgarde und einer bewusst geschichteten, kulturell gemischten Malerei der Gegenwart sichtbar — und positionieren Bings Arbeit damit im aktuellen internationalen Diskurs über Ornament, Häuslichkeit, Erinnerung und die Rückkehr der Malerei nach dem Manifest.
