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„What Sundays Tasted Like“ 2026: Acryl Mixed Media on Canvas

4500,00 €Preis
Größe

Das querformatige Gemälde entfaltet ein dicht geschichtetes, vibrierendes Bildfeld in dominierenden Rosa-, Pink-, Rot- und Gelbtönen, durchsetzt von Türkis, Blau und Weiß. Im oberen Bildbereich liegt eine stilisierte Tortenspitze – jene papierene Zierdecke mit feinem Lochmuster, die seit dem späten 19. Jahrhundert die textile Klöppelspitze imitiert und in den Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahren zur festen Ausstattung der westdeutschen Sonntagskaffeetafel gehörte. Sie erscheint wie ein Artefakt, das aus einer anderen Zeit in die Farbexplosion hineingeweht wurde.


Im Zentrum des Bildes dominiert eine große, leuchtend gelbe Kreisform – wie ein monumentaler Butterkuchen, rund und feierlich ins Bild gesetzt. Von seiner Oberfläche läuftweiße Farbe in vertikalen Bahnen herab, die an Zuckerguss erinnert, der langsam über den Kuchenrand tropft. Doch anstelle von Obstbelag, Marzipanfrüchten oder Mandelblättchen ist dieser Kuchen seitlich dekoriert mit zellkernartigen, organischen Formationen – Ursuppen- Strukturen, Zellteilungen, biomorphe Kreise und Blasen, als hätte jemand die Grundbausteine des Lebens selbst als Garnitur auf die Torte gesetzt. Der Sonntagskuchen wird so zum Ursprung, die Kaffeetafel zur Petrischale der Existenz.


Rechts im Bild taucht ein Schaumlöffel auf – jene gelochte Metallkelle, die in keiner Nachkriegsküche fehlen durfte, mit der Klöße abgeschöpft, Kompott gehoben und Suppen entschäumt wurden. Seine punktierte Rundung fügt sich wie ein grafisches Muster in die Komposition ein und bringt die Geräuschkulisse der Küche ins Bild: das Klappern, Rühren, Dampfen hinter der Küchentür, während im Esszimmer der Tisch gedeckt war.


Interpretation

„What Sundays Tasted Like” ist ein Erinnerungsbild, das den Geschmack, die Textur und die emotionale Farbe sonntaglicher Rituale in ein malerisches Archiv übersetzt. In der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft wurde der Sonntagskaffee zum zentralen bürgerlichen Ritual: das Esszimmer, das Sonntagsgeschirr, die Torte – und darunter, zwischen Kuchenboden und Porzellanplatte, lag die weiße Papier-Tortenspitze mit ihren ausgestanzten Ornamenten. Sie war das Zeichen, dass man sich Mühe gegeben hatte, dass dieser Nachmittag etwas Besonderes war. Sonntags kamen bei Stephanie Bing die Großeltern mit blank poliertem Auto und blank polierten Schuhen, auch die Kinder mussten sich richtig schön anziehen – der Sonntagnachmittag war Inszenierung, war Haltung, war das bewusste Zelebrieren von Zusammengehörigkeit in einer Gesellschaft, die sich nach Ordnung und Schönheit sehnte. Die Tortenspitze, ein unscheinbares Alltagsobjekt, löst dabei eine ganze sensorische Welt – den Duft von frischem Kuchen, das Klappern der Kaffeetassen, das leise Gespräch der Erwachsenen, den Geruch von Schuhcreme und Sonntagsbraten.


Dass Bing dieses fragile Papierobjekt in die obere linke Ecke setzt, fast wie ein Wappen oder eine heraldische Markierung, verleiht ihm den Status eines Erinnerungszeichens, das über dem gesamten Bild schwebt.


Kulturhistorisch trägt die Tortenspitze Jahrhunderte in sich: Sie ist das industrielle Echo einer textilen Tradition, die vom Londoner Tuchhändler Doiley im 16. Jahrhundert über die viktorianische Häkelkultur bis in die deutsche Wirtschaftswunder-Küche reicht – ein Stück gestanztes Papier, das Luxus imitiert und zugleich Wegwerfprodukt ist, Sehnsucht nach dem Schönen und Pragmatismus der Nachkriegsmoderne in einem.


Der zentrale gelbe Kuchen aber ist das eigentliche Herzstück des Bildes – und hier vollzieht Bing eine entscheidende Verschiebung: Was zunächst als warmer, einladender Butterkuchen mit herabtropfendem Zuckerguss lesbar ist, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als etwas weit Älteres und Grundsätzlicheres. Die Garnitur besteht nicht aus Obst oder Marzipan, sondern aus biomorphen, zellkernartigen Formationen – Ursuppen-Strukturen, Zellteilungen,die Grundbausteine organischen Lebens.


Der Sonntagskuchen wird zum kosmischen Gebilde, die Kaffeetafel zur Entstehungsgeschichte. Was die Mutter servierte, war immer schon mehr als Mehl, Butter und Zucker: Es war Fürsorge, Verbindung, Weitergabe – Zellen, die sich teilen, Leben, das weitergeht.


Der Schaumlöffel, das kleine gesprayte Herz, die angedeuteten Möbel und das eincollagierte Heiligen-Foto erweitern dieses Inventar über den Kaffeetisch hinaus in die gesamte häusliche Sphäre. Es sind keine Stillleben-Gegenstände im klassischen Sinn, sondern Auslöser – jedes Element öffnet eine Schublade der Erinnerung.


Das Bild ist opulent und übervoll, beinahe überbordend – und genau darin liegt seine Treue zum Erinnerten: Der Sonntag der Kindheit war nie reduziert, sondern immer ein Zuviel an Sinneseindrücken, Stimmen, Geschmäckern und Texturen.


Kontexteinordnung in das Werk von Stephanie Bing

Innerhalb von Bings Œuvre markiert „What Sundays Tasted Like” einen Seitenschritt zum konkret Häuslichen, nachdem jüngere Arbeiten wie „Brain Fog” und „Neuro Cosmos – when thoughts flood the mind” sich radikal nach innen, ins Neuronale und Mentale, verschoben hatten. Während dort das Gehirn selbst zum Raum wurde, kehrt dieses Bild vermeintlich zu den physischen Gegenständen des gelebten Alltags zurück – Tortenspitze, Schaumlöffel, Möbel, Fotografie – und verhandelt sie als Vokabeln einer persönlichen Archäologie, die bei diesem abstrakten Bild jedoch erst auf den zweiten, kenntnisreichen Blick deutbar werden. Doch die Verbindung zu Bings neuronalen Arbeiten bleibt: Die zellkernartigen Strukturen auf dem zentralen Kreis schlagen eine Brücke zwischen dem häuslichen und dem biologischen Kosmos, zwischen Sonntagskaffee und Ursuppe. So entsteht eine Lesart, in der die Erinnerung nicht nur psychisch, sondern buchstäblich zellulär ist – eingeschrieben in die Materie, aus der wir bestehen.


Zugleich bleibt die Arbeit typisch für Bings übergreifendes Programm: Malerei als psychische Topografie, in der Biografie, Sehnsucht, Überfluss und sinnliche Erfahrung zu vielschichtigen Kartografien verdichtet werden. Die collagehafte Technik, das Oszillieren zwischen Figuration und Abstraktion, die leuchtende, neonartige Farbigkeit und die Einbindung stilisierter Alltagsobjekte als gesprayte Negativformen innerhalb eines dichten Zeichensystems verbinden das Werk direkt mit ihren Interieur-Gemälden, in denen Tische, Stühle, Ornamente und Architekturzitate als Chiffren innerer Zustände fungieren.


Neu ist hier der explizit zeitliche Vektor: Wo andere Arbeiten eher räumlich denken – Innenraum, mentaler Raum –, denkt dieses Bild in Zeitschichten. Die Tortenspitze der Fünfziger bis Siebziger, das Schwarzweiß-Foto des Heiligen, die nostalgische Farbpalette von Rosa und Gelb erzeugen eine Tiefe, die nicht räumlich, sondern temporal ist. So erweitert Bing ihr visuelles Alphabet um eine Dimension, die schon immer in ihrer Arbeit mitschwang, hier aber zum eigentlichen Sujet wird: die Zeit, wie sie schmeckt.

  • Acryl Mixed Media on Canvas

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